Die letzte Meile
Fahrradmobilität am Frankfurter Flughafen
Die Veranstaltungsreihe "Fraport Regionalpark Open", die nun zum dritten Mal stattfindet, steht in diesem Jahr unter dem Titel "Fahrrad – Wege in die Zukunft". Auf der öffentlichen Tagung "Mobilität 2100 – dem Radverkehr gehört die Zukunft" werden Mobilitätskonzepte vorgestellt und Visionen diskutiert. Mit dem darauf folgenden Aktionstag will man zeigen, dass die größte Arbeitsstätte der Republik auch per Fahrrad zu erreichen ist und dass Fahrradmobilität in den Überlegungen der Fraport AG durchaus eine Rolle spielt.
Die meisten Leser dieser Zeitung werden sie kennen, die "Freizeitkarten" zum Regionalpark RheinMain. Hohe Straße, Niddaroute, Regionalpark Südwest oder Rundroute – es gibt inzwischen ein reichhaltiges Kartenwerk, mit dessen Hilfe sich die Region per Rad oder zu Fuß entdecken lässt. Was alle diese Blätter gemeinsam haben, ist das Logo der Flughafenbetreiberin, das auf der Rückseite unter der Rubrik "mit freundlicher Unterstützung von" für das Fraport-Engagement im Regionalpark wirbt. Über 15 Millionen €, so Fraport, habe man aus dem Umweltfonds seit 1997 in die Entwicklung des Parks investiert, in "ausgesprochen partnerschaftlicher Zusammenarbeit", wie Thi Quyen-Thuy Nguyen aus dem Bereich "Unternehmensentwicklung, Umwelt und Nachhaltigkeit" betont. Betont wird auch, dass dieser Umweltfonds eine freiwillige Einrichtung sei, die nichts mit den Ausgleichsmaßnahmen für die Umweltfolgen des Flughafenausbaus zu tun habe.
Neuestes Produkt ist eine Freizeitkarte, auf der das Fraport-Signet sogar auf dem Titel prangt: Rund um den Flughafen stellt eine (touristische) Route in eigener Sache vor, mit markierten Aussichtspunkten auf startende oder landende Flugzeuge, aber auch Beachtenswertes aus der jüngeren deutschen Geschichte wie das Luftbrückendenkmal oder die Gedenkstätte zum ehemaligen KZ Natzweiler. Aktuell arbeitet Frau Nguyen an einer Fortentwicklung dieser Karte. Zukünftig sollen dann auch Radverbindungen zum Flughafen dargestellt werden, die nicht nur von touristischem Interesse sind, sondern konkret die Erreichbarkeit der Arbeitsstätte Flughafen per Fahrrad darstellen.
Ziel sei es, den Radverkehr von und zum Flughafen zu fördern. Selbstkritisch räumt man jedoch ein, dass die Erreichbarkeit des Firmensitzes noch Probleme bereitet. "Der ,letzte Kilometer' zur Unternehmenszentrale ist aufgrund des dichten Straßennetzes vergleichsweise kritisch und soll für die Veranstaltung beschildert und gesichert werden", wird in der Ankündigung zum Aktionstag "Mit dem Fahrrad zum Flughafen! Geht nicht? – Geht doch!" am 29. September versichert.
Wenige Tage vor der Radtour zum Aktionstag empfiehlt sich jedoch ein Ausflug nach Gateway Gardens, dem neu entwickelten Gewerbegebiet direkt am Flughafen. Dort findet die öffentliche Tagung "Mobilität 2100 – Dem Radverkehr gehört die Zukunft" statt. Am 25. September wird im "HOLM" (House of Logistics & Mobility) über Radverkehr im Jahr 2100 debattiert. Auf der Rednerliste steht auch hochkarätige ADFC-Prominenz: Burkhard Stork, Bundesgeschäftsführer des ADFC, spricht über funktionsfähige und attraktive Städte der Zukunft – "It's not the bike. It's the city". Joachim Hochstein vom Radfahrbüro Frankfurt referiert darüber, ob eine "Radfahrmetropole Frankfurt" Realität werden kann oder Utopie bleibt. Georgios Kontos, Fahrradbeauftragter im Regionalverband, macht sich Gedanken über die "regionale Vernetzung des Radverkehrs" und sucht nach Lösungen für den Ballungsraum.
Weitere Themen sind "Intermodalität und Radverkehr – Synergie oder Konkurrenz" und "Neue Fahrradtechnik – Fluch oder Segen?". Im Anschluss wird in einer Podiumsdiskussion mit Radverkehrsfachleuten der Frage nachgegangen, ob bis zum Jahre 2100 ein Radverkehrsanteil von 50 % vorstellbar sei.
Die Wahl des Tagungsthemas geht auf eine Initative des ADFC Hessen zurück. Wissenschaftlich geleitet wird die Veranstaltung von Petra K. Schäfer, Professorin für Verkehrsplanung und Öffentlichen Verkehr an der "Frankfurt University of Applied Sciences" (sicherlich vielen noch bekannt unter dem Namen "FH am Nibelungenplatz").
Interesse an Radverkehr vorausgesetzt, ist jede/-r zu dieser öffentlichen Tagung eingeladen (Anmeldung bitte bei regionalpark-open@fraport.de). Die Veranstaltung findet am 25. September von 10 – 17 Uhr im HOLM, Gateway Gardens, Bessie-Coleman-Straße 7, statt. Per Rad zu erreichen über die alte Flughafenstraße aus Niederrad oder die Unterschweinstiegschneise aus Richtung Goldstein (siehe auch FFA 4/14: Wer unbedingt will, kommt hin). Georgios Kontos vom Regionalverband hat sich aufs Rad gesetzt und ist die Strecke abgefahren. Ein Video darüber ist auf der Website von bike + business zu sehen ( bikeandbusiness.de/pilotprojekt ).
Auf dem gleichen Weg erreichbar sind die Veranstaltungen am Aktionstag rund um die Fraport-Unternehmenszentrale. Als Höhepunkt soll der 3. Lastenrad-Wettbewerb dazu beitragen, dass sich die Zuschauer ernsthaft Gedanken über alternative Transportkonzepte zur Überwindung der "letzten Meile" machen. Bei dem Wettbewerb geht es nicht nur darum, mit einem Lastenrad schnell ins Ziel zu gelangen. Der Parcours soll typische Hindernisse "aus dem Leben eines Fahrrad-Spediteurs" aufzeigen, die bei der Lieferung von Waren zu überwinden sind. Gewertet wird die Kombination aus Fahrzeit und kreativer Lösung der Transportaufgabe.
Der ADFC wird mit seiner AG Klaunix auf der Veranstaltung präsent sein und Fahrradcodierungen anbieten.
Man ist sich bei Fraport durchaus bewusst, dass in den vergangenen Jahren nur wenig zur Erreichbarkeit des Flughafens per Fahrrad getan wurde. Durch das Engagement im Regionalpark RheinMain hat sich dies etwas geändert, Fraport hat hier sehr zur Entwicklung des Radwegenetzes beigetragen. Doch nun soll auch der nicht-touristische Radverkehr an Bedeutung gewinnen beim größten Arbeitgeber der Region. Veranstaltungen wie die Tagung sowie der Aktionstag zu zukünftigen Mobilitätskonzepten und -visionen sollen dazu beitragen, mehr Menschen auf das Fahrrad zu bringen. Das Potenzial ist riesig – am gesamten Flughafen arbeiten rund 78.000 Menschen, von denen viele ihre Arbeitsstätte per Rad erreichen könnten. Allein bei Fraport kommen fast 3.000 Mitarbeiter/-innen aus den direkten Anliegergemeinden mit einem Arbeitsweg von weniger als 15 km. Die Flughafenbetreiberin unterstützt seit 2013 das Projekt bike + business des ADFC Hessen aus ihrem Umweltfonds und sie beteiligt sich am "Arbeitskreis Radanbindung an den Stadtteil Flughafen".
Auch innerbetrieblich gewinnt das Thema Radverkehr an Attraktivität. Es bewegt sich etwas, davon ist Uwe Tischer vom Umwelt-Exploratorium (siehe Kasten) überzeugt. Tischer, selbst Fahrer eines modernen Lastenrades, hat den Eindruck, dass das Thema Radverkehr bei der Flughafenbetreiberin auf Interesse stößt. Durch die Zusammenarbeit in der Vorbereitung der "Fraport Regionalpark Open" sei er mit Mitarbeitern verschiedener Bereiche ins Gespräch gekommen. Sein Fazit: Ein D-Zug nimmt Fahrt auf, das Thema Radverkehr rund um den Flughafen könnte zu einem Selbstläufer werden. Gerade deshalb ist ihm die Mobilitäts-Veranstaltung ein Anliegen. Sein Wunsch dabei ist es, "den Austausch, das Reflektieren, die Kenntnis und die Potenziale, hier im Speziellen zum Rad und Radverkehr, zu fördern". Speziell dafür habe man die Lastenrad-Wettbewerbe und einen "Rotorrad"-Workshop entwickelt.
Jetzt fehlen nur noch pfiffige Leute, die sich durch die stadtnahe Lage des Flughafens zu einer Geschäftsidee inspirieren lassen: Könnte man nicht Flugpassagiere, die am größten deutschen "Hub" auf ihren Anschluss warten, zu einer Radtour bewegen? Warum nicht die Wartezeit nutzen und ein paar Kilometer durch den Stadtwald radeln? Die nächsten Apfelweinwirtschaften sind vom Flughafen kaum eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt. Dort hat man dann weitaus mehr vom "echten" Frankfurt gesehen als in den Terminals des Airports.
Peter Sauer